Entdeckungen der Wertewelt

Werteland

(Ein Abschnitt aus dem Prolog im Buch LuüWr)

Bis vor einigen Jahrzehnten befassten sich lediglich Philosophen mit menschlichen Wertvorstellungen. Einige von ihnen nannten das Beschäftigen mit Werten „Axiologie“.

Auch Religionen hatten Werte auf der Tagesordnung, wobei sie sich bis heute fast nur auf Tugenden (siehe auch „Tugenden oder Werte“) beschränken.

Der Begriff Werte wird zunehmend im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet. Er wird meistens dafür benutzt, um auf moralische Standpunkte hinzuweisen.

Heute sind es Politiker, Unternehmer, Marketingfachleute, Theologen, Coaches und sogar Privatpersonen, die sich mit Werten beschäftigen. Sie versuchen das, was ihnen wichtig ist und am Herzen liegt, zu formulieren und verwenden dafür Begriffe, die allgemein als Werte bezeichnet werden.

Als Coach für Unternehmenskultur habe ich mich logischerweise auch damit beschäftigen dürfen. Bereits 2001 fing ich an, sämtliche Begriffe, welche in Workshops kursierten und heftig diskutiert wurden zu sammeln. Anschließend stöberte ich in verschiedenen Wörterbüchern und Lexika nach den Definitionen. Ebenso nach Zitaten in meiner recht stattlichen Sammlung an Fachliteratur zu Geisteswissenschaften, Management, Leadership & Co. Das interessanteste oder eindrucksvollste schrieb ich auf und erstellte so eine Art Glossar für Entscheider und Manager. So baute ich ein Register an „rhetorischen Schlagbolzen“ auf (wie ich es damals nannte).

Prägnante Sätze, wie z. B. „People leave managers, not companys“, oder „Eure Kultur ist das, was über Euch erzählt und verbreitet wird“, schindeten mächtig Eindruck. Jedoch fühlte sich selten jemand direkt angesprochen oder verantwortlich, diesen logischen Fakt gestalterisch aufzugreifen.

Oft agierte ich als Moderator oder beisitzender Coach für Meetings von Geschäftsleitungen. Dabei fiel mir auf, dass man sich am „grünen Tisch (siehe grüner Tisch)“ schnell einig war was Werte, Ziele, Strategien & Co. anging. Anschließend, im Alltag, wurde kein Rezept gefunden, diese Klugheiten zum Leben zu erwecken, was zuvor wunderschön in Stein gemeißelt wurde. Also ging man zurück zum grünen Tisch und entwickelte dort zahlreiche Rechtfertigungen, warum die heile Welt nicht heil sein will und kann. Meine darauf Bezug nehmende Frage: „Was bedeutet das denn für Euch als Vorbilder“, wurde selten klar beantwortet und teilweise beiseitegeschoben. Ich nahm das zur Kenntnis und fragte mich: „Was ist zu tun, damit die Herrschaften im Elfenbeinturm endlich wach werden und begreifen, dass Unlust und Krankenstand durch ihr eigenes Handeln und Nichthandeln entstanden ist. Durch eine egomane Haltung, die mit Instinkt und Menschlichkeit wenig zu tun hat“.

Also beschloss ich, mich den Themen Werte und Motive präziser zu widmen und zu untersuchen, warum der Geist willig, doch das Fleisch schwach ist.

Als ich ab 2012 noch intensiver nach Literatur über Werte und bestenfalls eine Art Lexikon oder Aufstellung der Begriffe suchte, wurde ich punktuell fündig und kaufte alles, was ich entdeckte. Auch im Antiquariat, wo wahre Schätze schlummern – wie ich heute weiß. Allerdings nur, wenn man die wenigen essenziellen Kernsätze in dem Wust von vielen tausend Seiten entdeckt.

So begann ich eine Zeitreise durch alle wichtigen philosophischen Betrachtungen in der Geschichte, Religionen, Bildungssystemen und den zahlreichen politischen Reformationen – bis in die heutige Zeit. Eine wichtige Erkenntnis war, dass sich auch heute vornehmlich nur Theologen und Philosophen konkret mit Werten beschäftigten. Sowie auch einige Schriften aus der theoretischen Psychologie und Soziologie. Die besten Bücher musste ich gebraucht kaufen, da sie nicht mehr verlegt werden. So habe ich beispielsweise „Das Buch der Werte“ für 1 Cent (plus Versandkosten) erworben.

Den größten Fundus, meist im Original, entdeckte ich bei Google Books. Dort gibt es Millionen alter, eingescannter Werke – teilweise mit einer Schrifttype, die ich glücklicherweise noch aus meiner Kindheit kenne.

Anfänglich war ich sehr begeistert von meinen gesammelten Werken, musste aber erneut feststellen: Es handelt sich fast ausschließlich um philosophische, theologische oder propagandistische Literatur. Auch die gefunden Wertemodelle aus dem letzten Jahrhundert waren theoretisch und abgehoben. Im Internet fand ich dann die gleichen Inhalte, nebst Listen und Beschreibungen – aber nichts davon war für einen Durchschnittsbürger schlüssig, logisch und schon gar nicht anwendbar. Einiges war vielfach abgeschrieben, rezitiert, neu interpretiert und leider in Summe – sorry – verschlimmbessert.

Fazit: Alles über Werte je Geschriebene ist zwar gut erklärt und ausführlich beschrieben, aber es wird nicht aufgezeigt, wie es lebendig werden kann – und zwar für und in allen Menschen. Es ist geschrieben für eine intellektuelle Minderheit, also eine privilegierte Gesellschaftsschicht – und nicht für alle Menschen. Das macht keinen Sinn, den gerade wenig privilegierte bzw. nicht hochwohlgeborene Menschen brauchen Orientierung, um mit der sogenannten Obrigkeit oder dem Establishment auf gleiche Augenhöhe begegnen zu können.

So stellte ich selbst die ersten Wertemodelle auf und untersuchte, warum es Werte überhaupt gibt. Und was es mit Wertesystemen auf sich hat? Gibt es möglicherweise verschiedene Arten von Werten, die uns unterschiedlich beeinflussen? Gibt es ein Ranking? Warum gibt es so wenige greifbare Worte für positive (konstruktive) Motive? Und was ist der Unterschied zwischen einem Motiv, einem Wert, einer Tugend, einem Talent und einer sozialen Kompetenz?

Beim ersten Beantworten dieser Fragen wurde mir klar, dass die allgemeine Verwirrung vor allem dadurch entstanden war, weil jede Fachdisziplin, die sich mit Werten beschäftigten, dies nur mit ihrem eigenen Blickwinkel, ihrer Brille, getan hatte.

Es braucht also eine übergeordnete wertesystemische Fachdisziplin, so wie es frühere Philosophen mit der Axiologie praktizierten. Nur bitte raus aus der intellektuellen Ecke und rein in den Alltag.

Meine Enttäuschung erzeugte Leidenschaft, und so fing ich an, meine alten Publikationen zu durchfrosten, in denen ich einige punktuelle Thesen über Werte und Motivation aufgestellt hatte. Die wichtigste Erkenntnis war, dass man einen Menschen nicht motivieren kann. Dies postulierte ich bereits 2003 in meinem Buch „Spielend zum Ziel – das Realisieren von Träumen“ und attackierte damit das wahnwitzige Riesengeschäft „Mitarbeitermotivation“.

Also setzte ich mich erneut dran und es kamen weitere Thesen hinzu. Ich werde in diesem Buch auf alle Erkenntnisse eingehen und sie in unterschiedlichen Kapiteln beleuchten. Ebenso gibt es einen Fundus an Werkzeugen, mit denen man Wertearbeit so betreiben kann, dass ALLE Beteiligte (Anspruchsberechtigte) ein bestmöglich erfülltes Leben führen können. Wichtig ist, dass man bei jeglicher Wertearbeit didaktisch und intuitiv, also in Kombination, operiert.

Da es keine wirksame Wertedidaktik gab, habe ich sie geschaffen und werde sie in großen Teilen in diesem Buch (LuüWr!) erstmals veröffentlichen. Mein Anspruch dabei ist, dass alles praktisch anwendbar ist, auch wenn es zunächst komplex erscheint. Fast alle aufgeführten Methoden und Tools sind bereits in realen Projekten angewendet worden. Einiges ist dabei noch (gefühlt) abstrakt, aber ich werde sicherlich den Rest meines Lebens damit zubringen, alles ständig zu optimieren und so aufzubereiten, dass es für jeden verständlich und praktikabel ist.

Mein Ziel war stets, die Welt zu verbessern. Ich glaube, nun ist der Zeitpunkt gekommen, dass meine „Bedienungsanleitung für eine wertevolle Welt“ einer breiten Öffentlichkeit zugängig gemacht werden sollte. In der Hoffnung, dass es von Interesse ist.

Ich freue mich über konstruktives Feedback und Anwendungsberichte aus der Praxis.

Weiter zum Abschnitt: Meine Thesen (im Prolog)

Letzte inhaltliche Bearbeitung am 04. Februar 2021

Letzte Bearbeitung dieser Seite am 7. Januar 2022

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