EMR-Modell

Enzyklopädie

Oder: „Die 3 sozialen Ebenen der Wertvorstellungen“ (Kapitel im Buch LuüWr!)

Oder: Eine Gegenüberstellung von Ethik, Moral und Recht auf Basis von universellen soziokulturellen Gesetzmäßigkeiten.

Einleitung

Bereits vor langer Zeit stellte ich fest, dass über die Begriffe Recht, Ethik und Moral sehr unterschiedliche Definitionen kursieren. Darüber hinaus konnte ich beobachten, wie sich Fachleute aus Politik, Wissenschaft, Theologie und dem Bürgertum darüber streiten. Es herrschten unterschiedliche Sichtweisen, die aus meiner Sicht zu Konflikten führten. Und noch schlimmer: Es folgte oft konsensferne Orientierungslosigkeit, welche in Fehlentscheidungen und Irrtümern mündete.

Gerade in Zeiten von schnellem Wandel und Krisen erleben wir, dass

  1. unlogische Entscheidungen getroffen werden,
  2. sich die Gesellschaft mehr spaltet als sonst (oppositionelles Gehabe),
  3. polarisierende Gesinnungen sichtbarer werden und
  4. mentale Räume für neues Denken und Weltbilder entstehen.

In der Intuistik habe ich deshalb um 2014 das „EMR-Modell“ geschaffen, das diese drei Begriffe in praktischer Hinsicht definiert und abgrenzen soll. Insbesondere, um aus wertesystemischer Betrachtung eine einheitliche Logik als Grundlage zu haben, um Wertearbeit überhaupt durchführen zu können. Das EMR-Modell bezieht sich auf alle soziokulturellen Lebensgemeinschaften – insbesondere auch dessen subkulturelle Gruppierungen.

Bei meinem Versuch, das Ganze möglichst korrekt und logisch einzuordnen, habe ich kräftig recherchiert. So wurde ich z. B. bei Platon (Lektionen des Sokrates), Aristoteles (Nikomachische Ethik), Bertrand Russell, Hermann Hesse, Rudolph Steiner, Nicolai Hartmann und insbesondere bei Albert Schweitzer fündig:

„Was ist nun das Charakteristische der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben? Sie ist zunächst vernunftgemäß. Sobald der Mensch den Weg des Denkens wirklich zu Ende zu gehen wagt, kann er nicht anders, als eine Verantwortung gegen alles Lebendige, das in seinen Bereich tritt, anzuerkennen und Leben erhalten und fördern als gut und Leben vernichten und schädigen als schlecht zu empfinden. Das zweite Charakteristische dieser Ethik ist, daß sie absolut ist. Sie fragt nicht, ob die Durchführung der Ehrfurcht vor dem Leben durchaus möglich ist, sondern sie gebietet einfach. Sie ist aber effektiv absolut, nicht nur durch die Art, in der sie gebietet, sondern durch das, was sie gebietet. Das dritte Charakteristische dieser Ethik ist, daß sie universalistisch ist. Sie ist nicht nur grenzenlos in der Verantwortung, die sie dem Menschen auferlegt, sondern auch ihrem Gebiete nach. Sie ist nicht nur mit dem Verhältnis des Menschen zur menschlichen Gesellschaft beschäftigt, sondern mit seinem Verhalten zu allen lebendigen Wesen.“
Albert Schweitzer (1875–1965); aus einer Vorlesung am 8. November 1935 (Vorträge, Vorlesungen, Aufsätze – Werke aus dem Nachlaß im Verlag C.Beck, 2017)

Auf Basis dieser eher philosophischen und sperrigen Formulierung habe ich den Versuch gewagt, die Ethik pragmatisch zu definieren und auf gleiche Weise von Moral und Recht abzugrenzen. Ziel war, diese drei „Bereiche“ so zu beschreiben, dass sie in der Wertearbeit praktikabel verwendet werden können. Selbstverständlich habe ich hierbei auch die teils verschiedenartig überlieferten Weisheiten des Konfuzius und andere spirituelle und humanistische Schriften (inkl. Bibel, Talmund, Hermetik etc.) berücksichtigt. Dabei habe ich nur das sorgfältig sortiert und abgewogen, was wirksam Frieden, Freude und Wohlstand (hier: geistiger und materieller Wohlstand im Einklang) eingebracht hat und auch heute noch als mustergültig (weil zeitlos) gelten kann.

In Anlehnung an die freigeistige und vorbildliche Haltung von Martin Luther habe ich mir zuvor erlaubt, Thesen aufzustellen, die eine friedvolle Welt skizzieren. Diese Thesen sind im Prolog vom Buch LuüWr! aufgeführt.

Definitionen

Hinweis: Die vollständigen und allgemeinen Definitionen der drei Begriffe Ethik, Moral und Recht findest Du im „DgBdW“ (erstmals in der ab Anfang 2021 verfügbaren 4. Auflage und bis auf weiteres im Internet: https://www.wertesysteme.de/werte-glossar/ethik-moral-recht/).

An dieser Stelle habe ich mich auf die wertesystemischen Definitionen konzentriert und diese in Teilen weiter ausgeführt.

Ethik

Ein vielzitierter Kerngedanke der Ethik im Sinne von tugendhaften Wertvorstellungen von Immanuel Kant ist der „Kategorische Imperativ“: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Ethik ist demnach, wenn die Gedanken, Handlungen und Taten einer Person oder auch Gruppe auf das größtmögliche Wohl aller global existierenden Individuen sowie deren Lebensräume ausgerichtet sind.

Der Zweck von Ethik: Bestmögliches Überleben für alle Individuen.

Moral

Moral ist eine subkulturelle Ethik, die auf für diese Subkultur festgelegten Tugenden und Imperative basiert. Zum Schutz des eigenen Überlebens und der gewohnten Aspekte von Lebensqualität fordert sie dazu auf, diese mit allen Mitteln zu verteidigen, auch wenn die Verteidigungshandlungen nicht den interkulturellen (globalen) ethischen Ansprüchen genügen.

Der Zweck von Moral: Das bestmögliche Überleben der eigenen Kultur (Gruppe, Organisation etc.).

Recht

Recht ist ein staatlich (territorial kulturelles) verordnetes verbindliches System, das

  1. kulturell moralische Vorstellungen regelt und
  2. den Verlust von Moral und/oder Ethik einzelner Personen sanktioniert

Der Zweck von Recht: bestmögliches Ausschalten des Verlustes von Moral und Ethik.

Gegenüberstellung und Einordnung

Wertvorstellungen treten in den 3 systemischen Komplexen (Ebenen) auf, welche ich wie folgt geordnet haben:

  • ETHIK ≈ globales Bewusstsein ≈ Beziehungen
  • MORAL ≈ kulturelles oder subkulturelles Bewusstsein ≈ Gruppenschutz
  • RECHT ≈ nationales / territoriales Bewusstsein ≈ Reglementierung

Jede dieser 3 Ebenen besitzt relativ unterschiedliche Wertesysteme, die jeweils aus Werten, Tugenden, Normen und daraus resultierenden Prinzipien bestehen.

Auf einer Skala eines soziokulturellen Bewusstseins (basierend auf den zugrunde liegenden Motiv-Strukturen und dogmatischen Tugenden) ist

  • RECHT ein Teilaspekt von MORAL und
  • MORAL ein Teilaspekt von ETHIK.

Somit ist Ethik höherwertiger (weil ganzheitlicher) als Moral und Moral ist höherwertiger (weil agiler) als Recht. Man könnte auch sagen: Recht dient der Moral und die Moral dient der Ethik. Oder: Ethik inspiriert Moral und Moral formt das Recht. Ergo: Recht wird nur benötigt, wenn die Moral versagt und Moral wird wichtig, wenn die Ethik versagt. Das Ganze hängt davon ab, als WER man überleben möchte: als Individuum, als Gruppe oder Organisation, als Menschheit oder als Natur (welche bekanntlich auch unsere ureigene Heimat ist).

Kritik am aktuellen Geschehen

In demokratischen Staaten gilt vorwiegend das Recht. Alles wird über und mit Rechtsnormen geregelt, wie wir am geschäftigen Treiben der Juristerei und Gerichten erleben. Dies ist historisch gesehen der Tatsache geschuldet, dass Menschen, Gruppen und auch Nationen massiv gegen ethische und moralische Prinzipien verstoßen haben. Wir wissen nicht nur aus der Geschichtsschreibung, dass leider zu viele Menschen die Eigenschaft haben, aus Gründen von Egoismen, Machtstreben oder antisozialen, unterdrückerischen sowie kriminellen Neigungen Moral und Ethik mit Füßen zu treten.

Der Spruch „Gelegenheit schafft Diebe“ scheint demnach wahr zu sein. So ist es verständlich, dass man mit der Etablierung eines Rechtssystems versucht hat, kriminelle Machenschaften einzudämmen oder bestenfalls durch gut strukturierte Sanktionierungskataloge möglichst im Vorfeld zu unterbinden.

Dieser alleinige Fokus auf Rechtsstaatlichkeit erschuf jedoch im Laufe der Zeit folgende Zustände:

  1. In der heutigen Demokratie wird alles über Gesetzte und Regelwerke entschieden, wodurch der Raum für Wertschätzung fast vollständig eliminiert wurde.
  2. Es herrscht eine weit verbreitete Angst davor, gegen Regeln zu verstoßen. Diese konkrete Form der Zurückhaltung verhindert Innovation, mutiges Ausprobieren, individuelle Entwicklung und neues Denken.
  3. Gerichte sind selten in der Lage, den Wust an Herausforderungen nach moralischen und ethischen Prinzipien zu urteilen(FN Hinweis: Verfassungsgerichte, welche sich an das Grundgesetz halten, haben hierbei einen größeren Spielraum.FN).
  4. Bei Konflikten wird bevorzugt verklagt und an Juristen delegiert, anstatt eigenverantwortlich auf zwischenmenschliche soziale Weise geredet. Das wäre in den meisten Fällen effizienter, gesünder und weniger kostspielig.
  5. Dominierende Rechtsstaatlichkeit hat die latente Neigung zum kleingeistigen und unreflektierten „Recht haben wollen“ gefördert. Toleranz und Solidarität haben nur noch wenig Raum. Insbesondere Toleranz, im Sinne von Spielraum, ist in rechtlichen Beurteilungen nicht vorgesehen.
  6. Schuldzuweisungen sind zum Volkssport geworden. Eigenverantwortung und lösungsorientiertes Denken wurden in bestimmten Handlungsräumen abgeschafft.

Bedeutung für Erziehung

Durch Recht und das verbreitete „Recht haben wollen“ oder gar das zwanghafte „Recht haben müssen“ wurden Sanktionierungen auch in die Kindeserziehung eingeführt. Auch wenn körperliche Gewalt nur noch selten anzutreffen ist, wird dieses Prinzip durch Verbote oder Entzüge weiter praktiziert.

An dieser Stelle gehe ich nicht weiter darauf ein und verweise sehr gerne auf den Familientherapeuten und meinen Gesinnungsgenossen Jesper Juul, dessen Bücher Lösungen aufzeigen, wie sie in anderem Kontext auch in diesem Buch aufgeführt werden.

Bedeutung in Organisationen

In Unternehmen gibt es die Aspekte Recht und Moral gleichermaßen. In wenigen Fällen spielt Ethik eine ehrlich gemeinte Rolle.

Recht bedeutet, z. B. seinen Obliegenheitspflichten nachzugehen, Schutzrechte zu erhalten, Verträge zu schließen, Rechte gerichtlich durchzusetzen.

Moral bedeutet, z. B. einen Teamgeist aufzubauen, der zu Willfährigkeit, Loyalität (Commitment) und Mitstreiterschaft führt. Mit hoher Moral wird weniger auf Recht geachtet, sondern darauf, das Ziel mit allen Mitteln zu erreichen und auch Gegner (z. B. Mitbewerber) zu besiegen, beseitigen oder einzuverleiben.

Widersprüche im Zeitgeist

Beispiele:

  • Agiles und selbstbestimmtes Arbeiten ist nur mit maximal möglichem Spielraum möglich. Dies bedarf einer entsprechenden Haltung und Grundeinstellung, die ohne destruktive Vorurteile auskommt.
  • Wie soll Fehlerkultur gelebt werden, wenn Mitarbeiter und auch Führungskräfte ständig bewertet, genormt und systemisch einsortiert werden?
  • Change Management ist aus mentalen, psychologischen und soziologischen Gründen nicht möglich.

Fazit

Es bedarf einer neuen intelligenten Verhaltenskultur, welche – neben der sogenannten rechtsstaatlichen Gewalt – mehr Raum für Moral und Ethik ermöglicht bzw. zulässt. Dies ist nur mit vernunftbegabten Führern möglich. Als Führer meine ich hier insbesondere alle Menschen, die großen Einfluss auf Gedankengut, Haltung und Handlung von den ihnen anvertrauten Menschen haben:

  • Eltern, Erzieher, Lehrer, Schulleiter
  • Unternehmer, Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte
  • Meinungsmacher, wie Redakteure, Journalisten, bekannte Sportler und Künstler sowie die sogenannten Influencer
  • Berater und Autoren, die Gedenkgut manipulieren können
  • Religionsführer, Prediger und Gurus
  • Politiker, die in einer Regierungsverantwortung sind
  • Funktionäre im Sport
  • Kuratoren im Bereich Kunst und Kultur
  • Intendanten von öffentlich rechtlichen Organisationen

Zitate

„Die Moral, die gut genug war für unsere Väter, ist nicht gut genug für unsere Kinder.“
Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

Demut ist eigentlich nichts anderes als eine Vergleichung seines Wertes mit der moralischen Vollkommenheit.“
Immanuel Kant (1724–1804)

„Voraussetzung für ein moralisches Wertgefüge in einer demokratischen Gesellschaft ist, daß ethische Werte nicht autoritär festgelegt werden, auch nicht durch göttlich bestimmten Glauben, sondern durch Wissen, durch die Vernunft.“
Ulrich Wickert (geb. 1942); aus „Das Buch der Tugenden“, 1995, S. 35

„Der Zweck heiligt die Mittel“
Frei entlehnt aus der „Moraltheologie“ (1652) des Jesuitenpaters Hermann Busenbaum (1600–1668); hielt später Einzug in den Konsequentialismus

„Das Hauptproblem von Ethik und Politik besteht darin, auf irgendeine Weise die Erfordernisse des Gemeinschaftslebens mit den Wünschen und Begierden des Individuums in Einklang zu bringen.“
Bertrand Russell (1872–1970)

„Wir sind nicht für uns allein geboren.“
Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Letzte inhaltliche Bearbeitung: 23. Januar 2021

Letzte Bearbeitung dieser Seite am 9. Dezember 2021

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