Vorwort (DgBdW)

Literatur Wertewandel

Vorwort aus „Das große Buch der Werte 2023 – Enzyklopädie der Wertvorstellungen“.

Wertvorstellungen besitzt der Mensch, seit er denken und formulieren kann. Das liegt in seiner Natur. Werte begleiten ihn jeden Tag, ob bewusst oder unbewusst. Manche haben es sich zum Sport gemacht, darüber konkreter und weiter nachzudenken, als der sprichwörtliche Tellerrand reicht. Meine Intention war es, auch über die Tischkante hinauszugehen. Tief einzutauchen in die Welt der Werte. Dass dies intensive Arbeit bedeutet, war mir seinerzeit nicht bewusst.

Meine fast lebenslange Denkarbeit als Sinnsuchender sowie die nun 26-jährigen Aktivitäten als Berater und Coach, mit den mir am Herzen liegenden Themen „Persönliche Werte“ und „Organisationskultur“, bescherte mir 2017 die mutwillige Herausgabe des vorliegenden Werkes – zunächst als kleine, bescheidene Auflage. 2019 erschien bereits die dritte Auflage, mit den bis dato 123 definierten Wertebegriffen. Seither kamen weitere Werte hinzu. Mit dieser Ausgabe sind es 131 Werte, 16 begriffliche Wertesysteme und 47 kontextuelle Begriffe bzw. Themenbereiche.

Immer noch bin ich mit einem wachsenden Team von Werte-Coaches am Anfang einer spannenden Reise mit dem Thema „Menschliche Wertvorstellungen“.

Die Herausforderungen einer deutlich gespaltenen Welt werden größer. Der sogenannte Wertewandel, den wir hier auch soziokulturellen Beziehungswandel nennen können, nimmt mächtig Fahrt auf. Was bisher nur stellenweise diskutiert wurde, wird spürbarer – für immer mehr Menschen in Europa und auf unserem ganzen schönen blauen Planeten.
Der weltweite Wertewandel ist endgültig seit März 2020 in vollem Gange.

Die sogenannte Corona-Pandemie löste eine weltweite Krise aus, die neben Angst und Hysterie auch eine „Welle der Solidarität“ schuf.
Natürlich habe ich mich mit meiner wertesystemischen Brille dem Thema gewidmet. Auch habe ich mir zunächst die Frage gestellt, ob das eine Hysterie, eine Panikmache oder ein ernstzunehmendes Problem ist. Mein Fazit: Weder noch, denn das spielt keine Rolle. Vielmehr bieten sich neuartige (gewöhnungsbedürftige), aber gute Chancen für jeden Einzelnen, für Familien, die Politik und für Unternehmen. Erstmals sogar für die ganze Menschheit, damit Vernunft und soziale Innovationen gewinnen, über endlose, polarisierende Diskurse, die von territorialen Egoismen geprägt waren. Grundsätzlich betrachte ich diese Krise als vielschichtigen Wertewandel, der mehr Menschen betrifft als jemals zuvor auf diesem Planeten. Natürlich auch deswegen, weil es von Regierungen und Medien auf fast jede Tagesordnung gesetzt wird und unseren Alltag massiv verändert.

Egal, ob Panikmache oder faktenbasierte Wahrheit, das Thema wurde spürbare Realität. Es bahnt sich seither an, dass wir den größten, intensivsten und schnellsten Wertewandel der Menschheitsgeschichte erleben dürfen. Dabei wird sich Spreu vom Weizen trennen – wahre Charakter werden deutlich sichtbarer. Das Gute, aber auch das Böse wird lauter und spürbarer. Konflikte werden sichtbarer und gemäß dem Polaritätsprinzip einschneidend eskalieren. Alte Wege versanden, neue Wege entstehen. Scheinbar Unmögliches wird nun möglich und umgesetzt. Nutzen wir also den Wandel bestmöglich aus, um nun vielleicht auch das zu tun, was sich jeder gewünscht, aber vor sich hergeschoben hat.

Was Werte prinzipiell sind und dass man über Werte kontrovers diskutieren kann, ist jedem bewusst, der sich damit faktisch auseinandersetzt. Dabei ist das Beschäftigen mit Wertvorstellungen fast so alt wie das Denken selbst. Bereits in der Antike gab es entsprechende Schriften und Modelle. Von Wertesystemen hatte man möglicherweise noch nicht gesprochen, aber wohl darüber, dass der Mensch wissen müsse, was ihm sinnvoll und wertvoll erscheint und welche Vorstellungen er darüber pflegen sollte.
Insbesondere Philosophen in spirituell oder intellektuell geprägten Zeiten haben sich standesgemäß mit Wertvorstellungen beschäftigt. Dies wird deutlich, wenn man den zahlreichen, heute existierenden Überlieferungen Glauben schenkt.

Als einige bedeutende Beispiele seien hier auszugsweise folgende Kulturen und Personen genannt:
Viele sogenannte Naturvölker, die Mayas, Pythagoras von Samos, Buddha, Konfuzius, Sokrates, Hippokrates von Kos, Platon, Aristoteles, Plotin, Jesus von Nazareth, Mohammed, Meister Eckhart, Leonardo da Vinci, Martin Luther, Paracelsus, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Rudolf Steiner, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Albert Einstein, Nicolai Hartmann, Erich Fromm, Werner Heisenberg, Hans Küng und Joachim-Ernst Berendt.

Sie alle hatten eines gemeinsam: die Sinnhaftigkeit der Welt über jeweils bestmögliche Werte und Normen für den Menschen zu definieren, um ein Optimum an Lebensqualität für große Gruppen oder gar die Menschheit zu erreichen. Wie auch immer der Einzelne dies schließlich aus seinem persönlichen idealistischen Weltbild heraus zu definieren vermochte. Sie hatten sich theoretisch und Thesen schaffend mit Ethik und Moral, aber teils auch praktisch mit Fortschritt und evolutionärem Wandel beschäftigt. Ihre Motive waren die Vision für eine bessere Welt. Ihre bis heute existierenden Widersacher waren persönliche und kollektive Egoismen wie Macht, traditionelle Dogmen, Ausbeutung, Wucher und systematische Manipulation.

Wir können feststellen, dass sich seither nicht viel geändert hat. Die wichtigste Errungenschaft jedoch ist – insbesondere seit Ende des Zweiten Weltkrieges – die seitdem recht gut etablierte und allseits geschätzte Demokratie. Sie ist aber nach meinem Ermessen noch nicht der Zenit der bestmöglichen ethischen Wertschöpfung, denn in der Demokratie wird systematisch gestritten und vereinzelt sogar willentlich bösartig diffamiert; dies zwar auf diskursivem und moralisch relativ vertretbarem Niveau – folglich ohne direkte physische Gewalt – jedoch nicht im Sinne von vorbildlicher und größtmöglich ausgelebter Wertschätzung und Ethik; und schon gar nicht im Sinne von Menschlichkeit für alle Menschen auf diesem Planeten.

Und doch rückt die Welt immer mehr zusammen. Seit den 1990ern Jahren zunächst über neue Informationstechnologien und in Folge aus dem daraus erwachsenen globalen Bewusstsein. Dies bietet zwar nachweislich Chancen für Machthaber und Egozentriker, aber gleichermaßen auch für ethisch und phantastisch denkende Weltverbesserer. Utopien sind heute leichter und schneller realisierbar, Facebook, Google, SpaceX & Co sind erst der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Dem Zeitgeist und einem damit einhergehenden intuitiven Verlangen geschuldet, dürstet es einer wachsenden Anzahl an relativ aufgeklärten Menschen nach gut sortierten Informationen, globaler Kommunikation und Verständigung.
Mut machen hier die heutigen Vertreter von menschlichen Werten, welche sinnhaftes sowie zunehmend auch sinnstiftendes Gedankengut publizieren und in der Öffentlichkeit darüber reden; sehr wenig im technisch überholten Fernsehen, aber z. B. auf YouTube und in anderen sozialen Medien; dort „gehen sie viral“*. Sie erhalten dabei verhältnismäßig großen Zuspruch – vor allem in eben diesen sogenannten „neuen Medien“. Einige seien hier von mir genannt und gerne für ihre Courage und soziale Intelligenz ausgezeichnet: Götz Werner, Hans Küng, Pater Anselm Grün, Konstantin Wecker, Jesper Juul, Sir Ken Robinson, Gerald Hüther, Bill Gates, Richard David Precht, Greta Thunberg und natürlich viele mehr. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass es hier nicht nur um deren Inhalte geht, sondern um das enthusiastische Engagement, mit dem sie sich optimistisch und deutlich zu globalen sozialen Werten bekennen.

* Virales Publizieren heißt, dass in den neuen Medien an sogenannte „Follower“ gesendet wird, die wiederum interessante Botschaften in ihrem jeweils eigenen Freundeskreis „teilen“. So entsteht ein viraler Effekt ähnlich einer Zellteilung, die durch Verdoppelung (Teilung) ein exponentielles Wachstum (Verbreitung) zur Folge haben kann.

Besonders umfangreich ist ein Werk aus dem Jahr 1995 mit dem Titel „Das Buch der Werte – Wider die Orientierungslosigkeit in unserer Zeit“. Es wurde herausgegeben vom Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Ich hatte mit Herrn Schorlemmer eine nette Konversation per Briefwechsel, der sich über meine Arbeit an diesem „großen“ Buch der Werte freudig äußerte. Er gestattete mir, aus seinem Buch zu zitieren, was ich gerne tue. Hier schon mal ein Auszug aus seinem inspirierenden Vorwort:

„Ein wertvolles Leben ist ein Leben das Werten folgt, die einem Menschen sein Leben so sinnvoll wie (be-)glückend erscheinen lassen: Wenn er nämlich in aller seiner Zwiespältigkeit Heilsein erfährt, wenn er die Fixierung auf das Eigene überschreitet und sich ganz einem anderen zuwendet, wenn die Berechnung aufhört und Selbstlosigkeit beginnt, wenn der Erfolg die Folgen mitbedenkt, wenn das Sein-Können das Haben-Wollen aufhebt, wenn der Frieden mit sich selbst im Frieden mit allem ruht, wenn die Tapferkeit vor dem Freund größer wird als die Angst vor dem Feind, – dann wird Leben so sinnvoll wie glückend.“
Friedrich Schorlemmer (1995; Seite 18 des o. g. Taschenbuchs)

Zur gleichen Zeit erschien „Das Buch der Tugenden“ von Ulrich Wickert: eine sehr umfangreiche Sammlung von Verhaltensregeln, Tugenden und Werten mit einem Streifzug durch die Geschichte des Anstands und der Vorstellungen von Ethik und Moral. Bemerkenswert ist u. a. der umfangreiche Briefwechsel zwischen dem Philosophen „Günther Anders“ und einem der Hiroshima-Piloten „Claude R. Eatherly“*.

* Claude Eatherly erkundete am 06.08.1945 die Wetterbedingungen über Hiroshima kurz vor dem Abwurf der Atombombe.

In seiner Einleitung im Buch schreibt Wickert:

„Ohne Ethik kann keine demokratische Gesellschaft bestehen. Ethik bestimmt nun einmal, was in einer Gesellschaft als gut oder böse angesehen wird, und dies zunächst im vorgesetzlichen Raum. Stellen wir uns die Ethik als ein Uhrwerk vor, das nur pünktlich läuft, wenn die Einzelteile stark genug und ihre Verbindungen festgeschraubt, gut geregelt und geschmiert sind. Eine Ethik bildet sich durch die Erkenntnis einer Gesellschaft, daß sie sich auf gemeinsame Regeln verständigen muß, weshalb sie bestimmte Verhaltensweisen und Ziele als nützlich und gut, andere aber als schädlich und schlecht bezeichnet. Inhalte von Ethik und Moral sind Werte und Tugenden. Ein Wert im kaufmännischen Verständnis bedeutet Gegenwert, Geld- oder Tauschwert; im ethischen Sinn versteht man unter einem Wert eine sittliche Idee oder Forderung, die zu befolgen jedes Mitglied der ethischen Gemeinschaft unabhängig von seinen eigenen Gelüsten oder Vorteilen anerkennt.
Der erste Wert einer jeden Ethik ist die Würde des Menschen, denn von ihrer Respektierung geht jede Entscheidung zwischen Gut und Böse aus. Die Anzahl ethischer Werte und Tugenden läßt sich in keiner Liste abschließend aufzählen. Je nach dem Stand der Erkenntnis und dem Zustand einer Gesellschaft entwickeln sich neue Werte und Tugenden, verändern sich alte, wandeln andere ihre Bedeutung. So wurde aus der aristotelischen Tapferkeit die heutige Zivilcourage.“

(Gebundene Ausgabe 1995, Seite 31 und 32)

Der schweizerische Philosoph Andreas Urs Sommer hat mit seinem Buch „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“ eine provokante Diskussion angestoßen, welche von intellektuellen Medien gerne aufgegriffen wird. Sommer bezeichnet Werte als „Reflextionsmedium“ und „regulative Fiktionen“. Im September 2016 sagte er in einem ausführlichen Interview* beim WDR 5 hierzu:

„Man sollte sich vor allen Dingen von der Vorstellung verabschieden, dass die Werte etwas sind, was eben an sich und für immer dasteht, sondern die Werte sind ein Reflexionsmedium, sollten es sein und als solches halte ich sie für ausgesprochen nützliche – ich habe mal gesagt regulative Fiktionen – also Dinge die wir uns erdacht haben, die wir uns erschaffen haben, als Menschen für Menschen aber nicht etwas, was es einfach so gibt, sondern das es gibt, weil wir als Gesellschaft und als Individuum bestimmte Bedürfnisse haben und diese Bedürfnisse sich auch verändern und entsprechen verändern sich die Werte.“
Andreas Urs Sommer (Interview, September 2016)

* Das philosophische Radio (WDR 5 am 02.09.2016): „Reine Fiktion? – Werte“, Jürgen Wiebicke spricht mit dem Philosophen und Autor Andreas Urs Sommer über Werte. Das komplette Gespräch (51:55 Minuten) gibt es hier auf Werteland.com als Text (Transkription) und im Audioformat unter:
medieninhalte#reine_fiktion_ndash_werte_interview_mit_dem_philosophennbspandreas_urs_sommer

Sommer unterstreicht, dass es das Ideal an Wertvorstellungen nicht gibt und dass Gruppen hierbei flexibel bleiben sollen. Insgesamt hat er – wie ich meine – den komplexen Kern des Themas Werte erkannt, aber leider keine nützlichen Ratschläge für die Praxis geliefert, weder für einzelne Personen noch für Organisationen.

Der Schriftsteller Peter Prange schreibt:

„Wertorientierungen als Voraussetzung für individuelle Entscheidungen und als Bedingung für das Zusammenleben in großen Gruppen sind immer schon vorhanden, sie gehen jedem Einzelnen von uns voraus und prägen unsere Sozialisation, und gleichzeitig trägt jedes Mitglied einer Gesellschaft zur Entwicklung des Wertesystems bei.“
Aus „Werte: Von Plato bis Pop – Alles, was uns verbindet“ im Kapitel „Unser Wertekosmos“ von Peter Prange; 2016 FISCHER Taschenbuch (Erstausgabe 2006)

Wir sehen also, dass sich vor allem intellektuelle, belesene sowie klassisch gebildete Menschen mit dem Thema Werte beschäftigen. Somit finden diese aufklärerischen Diskussionen erneut nur in kleinen Kreisen statt, die sich demzufolge nur mit sich selbst beschäftigen und – wie wir aus der überlieferten Weltgeschichte wissen – mit dem „gemeinen Bürger“ keinen wirklichen diskursiven Kontakt haben. Ein offener Austausch dieser doch sehr unterschiedlichen „Ebenen“, verbunden mit gegenseitigem Respekt und Verständnis wäre förderlich für ein konstruktives Miteinander und die ganze Gesellschaft.

Auch das sogenannte Establishment – allen voran Politiker und Konzernführer – nehmen den Begriff Werte zwar ständig in den Mund, ohne aber zu wissen, was er wahrhaftig bedeutet. Sehr wahrscheinlich ist das der Grund, weswegen sie nicht konkret werden, wenn es darum geht, sich selbst die Frage zu stellen, was dies vor allem für sie selbst bedeuten könnte und sollte.
Genau hier wollen wir mit unserem Projekt „WERTELAND“ – und insbesondere mit diesem Buch – diese Lücken schließen: Wir wollen als Vermittler fungieren, indem wir nicht erhobenen Hauptes aufklären, sondern Bewusstsein schaffen. Wir wollen

  1. möglichst genau und verständlich erklären, was Werte sind,
  2. einen Fokus auf die Bedeutsamkeit und Anwendbarkeit jedes Wertebegriffes für jeden Einzelnen legen,
  3. recht pragmatisch dafür sorgen, dass dies alles anwendbar, statt nur theoretisch perfekt ist,
  4. uns als Experte und Sparringspartner für Wertediskussionen und konkreter Wertearbeit zur Verfügung stellen.

Darüber hinaus stehen wir unseren Lesern und Feedbackgebern offen gegenüber, indem wir deren Input ernst nehmen und selbstkritisch alles optimieren, was nach den oben aufgeführten Prämissen zielführend ist.

Nun aber zur konkreten Frage: Was könnte heute und nach den Regeln der kollektiven Evolution erfolgen bzw. was könnte der nächste Schritt zur Besinnung sein, um Glückseligkeit für die größtmögliche Anzahl von Menschen herzustellen bzw. zu ermöglichen? Dieser Frage bin ich ausgiebig nachgegangen und habe sie zunächst konkretisiert:

Was folgt dem globalen Zeitalter der Information? Einem Zeitalter, das unfassbare, ständig wachsende Mengen an Informationen konfrontativ, unsortiert sowie penetrant und als scheinbar wichtig gekennzeichnet produziert und dann auf möglichst viele Menschen einprasseln lässt.

Einige Psychologen sehen die wachsende Flut an unsortierten und nicht gewichteten Informationen als Hauptgrund für das zunehmende Burnout-Syndrom. Meine Forschungen haben ergeben, dass es daneben einen weiteren Grund für Burnout und ähnliche Symptome gibt: Die Verletzung der persönlichen Integrität: Das allgemeine Geringschätzen der eigenen Talente und das stark vernachlässigte Ausleben der wesentlichen eigenen Wertvorstellungen, welche von innen heraus (intrinsisch) motiviert sind.

Innerlich seit jeher getrieben, wollte ich deswegen als intuitiven, aber auch pragmatischen Beitrag ein Werk schaffen, welches nicht den Kodex selbst, sondern die möglichst konkrete und genaue Kodifizierung des längst vorhandenen Wissens dieser lebenswerten Menschlichkeiten zusammenfasst und der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Jeder Mensch soll verstehen, was Werte sind, welchen Sinn sie haben und was diese für ihn selbst als Person sowie im Zusammenleben (interdisziplinäres Agieren) mit anderen Menschen bedeuten können.

Neben meiner Arbeit als Coach und Dozent baute ich von 2014 bis 2021 das Onlineportal „wertesysteme.de“ auf. Ein weiterer Schritt war dieses Buch, welches nicht den Anspruch hat, perfekt zu sein, sondern zum jetzigen Zeitpunkt das „bestmögliche“ Verständnis über das zu schaffen, was das Leben wertvoll macht: Bewusste Wertvorstellungen – und das, was daraus erwachsen kann.

Es ist von großem Nutzen, sich darüber Gedanken zu machen, was wirklich wichtig ist im Leben. Für Einzelne, aber auch deren Umfeld und vor allem für die Gemeinschaften, in denen wir als Individuum existieren – oder besser: leben.

Dass dies nicht so einfach gelingt, wie man sich das wünscht, liegt daran, dass in unserem Unterbewusstsein bestimmte Wertesysteme sowie tugendhafte Reflexe eingeprägt (konditioniert) sind. Wir wurden durch unsere Erziehung, die Schule und Informationen aus der Umgebung darauf konditioniert.

Diese Grundwerte, Tugenden und Riten wurden maßgeblich durch institutionelle Religionen geprägt und über Generationen überliefert. Sie sitzen so tief, dass sie uns im Erwachsenenalter unbewusst steuern. Sie steuern die Art, wie wir fühlen, denken, sprechen (formulieren) und handeln.

Weltweit wurde von organisierten Religionen zwar viel Gutes gepredigt, aber sie sind – historisch betrachtet – institutionell und dogmatisch sowie zeitweise kriegerisch, missverständlich, herabwürdigend und missgünstig. Und vor allem: Sie sind (waren) nicht wirklich weltoffen – in vielen Teilen barmherzig, aber nicht weltoffen.

Dies ist der „memetisch“ tief sitzenden „Erbsünde“ oder auch einem „Karma“ geschuldet sowie der verbreiteten Ansicht, dass der Mensch ein Sünder und kein Schöpfer sei.

Der Begriff Religion bedeutet „zurückbinden, anbinden, festbinden“ (aus lateinisch „religo“ und „religare“) – also quasi das Pendant von Evolution, von nach „vorne“ ausgerichtetem Denken, das die Zukunft besser machen möchte, anstatt nur in Traditionen zu verharren.

Institutionelle Religionen besitzen in ihrem nachhaltigen Wirken nur selten global ethische Intelligenz, da sie mit Andersgläubigen eine harmonische Beziehung in Eintracht bezweifeln oder ablehnen. Ob das der Grund für zahlreiche Ehrenmorde, Kreuzzüge, terroristische Anschläge oder Ähnliches ist, mögen andere beurteilen. Es scheint so, dass der in seinem Kern nicht organisierte und politisierte Buddhismus die Tugenden, mit denen man Frieden, Freiheit im Geiste, Toleranz, Nächstenliebe, Selbstachtung und Weisheit aufbauen kann, beherbergt. Vielleicht ist das der Grund, warum es immer mehr Menschen aus der sogenannten westlichen Welt zu diesen Weisheiten und deren Rituale hinzieht.

Reiki, Yoga, Qigong, Feng Shui, Ayurveda, Tai-Chi, Meditation und sogar Unani boomen und machen den traditionell westlichen akademischen Schulweisheiten mächtig Konkurrenz; ebenso auch die Überbleibsel der durch Europäer ausgerotteten Naturvölker, welche – z. B. über den Schamanismus – großen Zulauf haben.

Und möglicherweise ist der neue und überraschend pragmatisch bescheidene Papst „Franziskus“ ein wichtiges Bauteil des von mir postulierten großen Wandels. Vielleicht initialisiert er Martin Luthers ursprünglichen Wunsch, die katholische Kirche sich selbst, von innen heraus zu reformieren und damit die vor 500 Jahren extern stattgefundene Reformation nur als Übergangslösung eines geistig evolutionären Schrittes bewusst zu machen.

Wir brauchen mehr Non-Konformismus (Individualismus) und das interessiert-unschuldige „In-Frage-stellen“. Die dazu intuitiv intelligenteste Frage der Welt wird weltweit am meisten gestellt – am häufigsten von Kindern. Es ist die Frage nach dem „Warum“.

Die „Warum-Frage“ ist nicht nur bloße Neugierde oder nervenaufreibendes Gefrage, sondern evolutionsbedingte Ursachenforschung.

In einer zunehmend oberflächlichen Welt, die keine Zeit für ausgefeilte und kluge Antworten hat, kann das ganz schön anstrengend sein. Kinder fragen scheinbar Sinnloses, wie z. B.: „Warum ist der Ball rund?“ Oder noch besser: „Warum ist blau blau?“.

Obwohl ein Erwachsener mit dem Beantworten dieser Fragen zum Helden der „Kleinen“ werden könnte, machen sich nur wenige die Mühe, darüber nachzudenken und mit Leidenschaft eine zumindest vorläufig befriedigende Antwort zu liefern.

Eine Warum-Frage beinhaltet, das Motiv, zugrundeliegende Normen und daraus resultierende Wertvorstellungen zu ergründen, welche dem jeweiligen Bereich zugrunde liegen. Oder wie Friedrich Nietzsche es formulierte:

„Wer ein WARUM zum Leben hat, erträgt fast jedes WIE.“

Scheinbar weiß ein „noch frischer“ Mensch intuitiv, dass es wichtig ist, die Spielregeln zu kennen, um das Spiel des Lebens zu spielen. Viele Erwachsene haben dafür allerdings wenig Muße und antworten nur oberflächlich. Damit säen sie die geistige und intellektuelle Saat, die ihre Nachkommen zu den gleichen oberflächlichen Menschen werden lässt. Das ist nicht Evolution – im Sinne von lateinisch „evolvere“ = „Heraus- oder Weiterentwicklung, Entfaltung“, sondern Stillstand oder oft sogar gar „Degeneration“.

„Nach einem Warum fragen, ist der achtsamste Schrei nach Freiheit.“
Frank H. Sauer; aus „Wertevolle Aphorismen“ (2022)

Da es im vorliegenden Werk um Werte geht und wir wissen, dass Werte stets aus bestimmten Grundmotiven (siehe „Die 7 Grundmotive“) erfolgen, ist es wichtig, sich mit den Ursprüngen von menschlichen Wertvorstellungen zu beschäftigen. Und deshalb ist die Warum-Frage eine wichtige und intelligente sowie zuweilen auch die schönste Frage der Welt.

Nun ist es angebracht, die Frage zu stellen: „Warum gibt es Werte?“ Und konkreter: „Was ist ihr Sinn und Zweck?“ Ich gehe bestenfalls davon aus, dass diese Frage dem zugeneigten Leser während der Lektüre dieses Buches – oder besser: dem interessierten Querlesen und Studieren – beantwortet wird.
Wenn nicht – oder auch sonst – stehe ich Ihnen gerne für wertvolle Fragen zur Verfügung.

Herzliche Grüße

Frank H. Sauer

Köln, 22. Januar 2019 (leicht revidiert und ergänzt im Januar 2022)

Letzte Bearbeitung dieser Seite am 29. Dezember 2022

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