Bewertung

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Wortformen: bewerten, werten, Wertung, gewertet

Synonyme

Werturteil, Wertung, Gutachten, Zensur, Benotung, Charakterisierung, Kritik, Diagnose, Beurteilung, Abschätzung, Begutachtung, Einschätzung, fachliches Urteil, Studie, Einstufung

Ähnlich: Note, Prädikat, Rangliste, Zeugnis, Expertise, Schätzung, Prüfbericht, Untersuchung, Stellungnahme, Beschaffenheit, Qualität, Güte

Fremdwörter: Votum, Ranking, Evaluierung, Evaluation, Taxierung

Positiv: Lob, Anerkennung, Wertschätzung, Würdigung

Negativ: Abwertung, Geringschätzung, Herabwürdigung

Englisch: rating, valuation (Einschätzung), assessment (Begutachtung), appraisal (Auswertung), judgment (Beurteilung)

Definition

Messen bzw. Ermitteln sowie anschließendes Beurteilen von einem oder mehreren kontextbezogenen messbaren Kriterien.

Beschreibung

An der Anzahl und Vielschichtigkeit der Synonyme können wir erkennen, dass der Begriff „Bewerten“ zahlreiche Deutungen hat. In sehr vielen Bereichen und Situationen bewerten wir oder werden bewertet.
Ein Versuch, die Anzahl der täglich durchgeführten Bewertungen eines durchschnittlichen Menschen zu zählen, dürfte scheitern. Schätzungen ergeben, dass wir mehrere tausend Mal bewerten, prüfen, begutachten und ein Urteil fällen.
Die Mehrzahl dieser Bewertungen findet unbewusst statt. Die meisten bewussten Bewertungen sind subjektiver Natur. Nur wissenschaftliche und vor allem neutrale (nicht von einem irritierenden Motiv gesteuerte) Wertungen sind relativ objektiv.
Qualitativ bewertet und beurteilt werden können:

  1. Produkte, Objekte
  2. Subjekte (Individuen)
  3. Sachverhalte
  4. Situationen (Geschehnisse, Produktionsabläufe etc.)
  5. Eigene Gedanken
  6. Eigene Handlungen
  7. Ergebnisse der eigenen Handlungen
  8. Kommunikationsabläufe und dessen Ergebnisse
  9. Gefühle, Emotionen
  10. Werte und Wertesysteme

Das Bewerten von Menschen

Fast alle Menschen bewerten andere Menschen in fast jeder Situation und nach zahlreichen unterschiedlichen Kriterien. Diese Messkriterien resultieren aus den eigenen intrinsischen und extrinsischen Wertmaßstäben und Wertvorstellungen. Diese Bewertungen sind meist spontan, unbewusst und subjektiv. Aus diesem Grund kommt es häufig zu Mangel- und Fehleinschätzungen.

Die Bewertung von sich selbst

Die Bewertung von sich selbst funktioniert ähnlich wie die Bewertung von anderen Menschen. Die Ausprägung dieser Bewertung hängt jedoch stark vom Selbstbewusstsein einer Person ab und der diesbezüglichen Fähigkeit, sich selbst in Gänze objektiv reflektieren zu können.

Dabei spielen alle Stärken und Schwächen wie Fähigkeiten, Fertigkeiten, Talente und Handicaps etc. eine Rolle. Auch Potenziale, Absichten, Ziele, Herausforderungen, zur Verfügung stehende Ressourcen etc. sind dabei wichtig und werden bei der Gesamtbewertung oft vergessen.

Da die Selbstbewertung meist sehr subjektiv ist, spricht man im Allgemeinen von Selbsteinschätzung. Eine Schätzung ist bewusst ungenauer als eine Bewertung. Mit dieser gewählten Begrifflichkeit ist offensichtlich verbunden, dass der Mensch unbewusst behauptet, eine „Bewertung seines Selbst“ sei spezifisch herausfordernd und nicht zu meistern.

Bewertung von Situationen

Situationen – oder auch „Szenerien“ – finden entweder in der Gegenwart statt oder haben in den meisten Fällen in der Vergangenheit stattgefunden. Vergangene Situationen bezeichnen wir auch als Passiertes, Geschehnisse oder Ereignisse. Sollte eine Situation in der Zukunft stattfinden, nennen wir sie Bevorstehendes, Herausforderung, Ziel oder nebulös auch Vision oder Perspektive.
Situationen sind sehr komplex und in all ihren Aspekten vom menschlichen Verstand nicht vollständig zu erfassen, insbesondere auf der ihm sehr eigenen physischen und rationellen Ebene. Auch die Mechanismen von Ursache und Wirkung sind komplexer Natur.
Eine Bewertung von Situationen ist demnach immer subjektiv, da der Betrachter nur auf ausgewählte (vorprogrammierte) Aspekte achtet. Achten heißt auf rationeller Ebene, gezielte (fokussierte) Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte zu richten.
Da die intuitive Fähigkeit, mit Achtsamkeit (Rundumblick ohne fokussiertes Ratio) eine Situation zu „beleuchten“ und wahrzunehmen, den meisten Menschen verloren ging, ist ein vollständiges Erfassen und fehlerfreies Bewerten einer Situation nicht möglich. Somit werden Situationen gemäß den eigenen Erwartungen, Erfahrungen und Wertesystemen bewertet.

Hinweis: siehe auch die 5BMS

Das Bewerten im digitalen Zeitalter

Einer der Errungenschaften der Digitalisierung ist das regelmäßige „Bewerten sollen/müssen“ von Inhalten, Angeboten, Meinungen, Produkten, Dienstleister, Institutionen, Firmen, Arbeitgeber, Ärzte usw. Damit soll Vertrauen in die jeweiligen Anbieter aufgebaut werden.
Dies geschieht z. B. bei Google Maps, YouTube, eBay, Amazon, Facebook, XING, LinkedIn, Kununu, um nur einige wenige aufzuzählen. Der Pionier auf diesem Gebiet war das Online-Auktionshaus eBay.
Diese Bewertungen finden in Form von „Likes“, Sterne-Vergaben und Textbeiträgen statt, welche teilweise recht ausführlich die Erfahrungen und Meinungen beschreiben.
Ob das sinnvoll ist, darüber streiten sich Experten (siehe Video unten) und Protagonisten aller Art, zumal die Seriosität und Aussagekraft der Ergebnisse (Votings, Rankings) angezweifelt werden. Dennoch werden diese Bewertungen sehr oft genutzt, um eine darauf begründete Auswahl im Kauf- oder Entscheidungsprozess zu treffen.

Zitate

„Der Osten basiert sein Denken und seine Bewertung der Tatsachen auf einem anderen Prinzip. Wir kennen nicht einmal ein Wort für dieses Prinzip. Der Osten hat natürlich ein Wort für dieses Prinzip, aber wir verstehen es nicht. Das östliche Wort ist Tao. Mein Freund McDOUGALL hat einen chinesischen Studenten, und den fragte er einmal: „Was genau verstehen Sie unter Tao?“ Typisch westlich! Der Chinese erklärte, was Tao ist, und er antwortete: „Ich verstehe immer noch nicht.“ Da ging der Chinese auf den Balkon und sagte: „Was sehen Sie?“ „Ich sehe eine Straße und Häuser und spazierengehende Leute und vorüberfahrende Trams.“ „Was noch?“ „Bäume.“ „Was noch?“ „Der Wind weht.“ Der Chinese warf seine Arme hoch und sagte: „Das ist Tao.“
C. G. Jung (1875–1961)

„Beurteile einen Menschen lieber nach seinen Handlungen als nach seinen Worten; denn viele handeln schlecht und sprechen vortrefflich.“
Matthias Claudius (1740–1815); deutscher Dichter und Journalist; bedeutender Lyriker, dessen volksnahe Verse heute noch bekannt sind: z. B. „Der Mond ist aufgegangen“

„Wer ein Pferd kaufen will und nicht das Pferd selbst, sondern nur Sattel und Zaumzeug betrachtet, ist ein Narr. Ein vollendeter Dummkopf aber ist, wer einen Menschen nach seiner Kleidung und äußeren Lebensstellung beurteilt.“
Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.)

„Man kann einen Baum nicht nach der Güte seiner Blätter einschätzen, sondern nur nach der Güte seiner Früchte.“
Giordano Bruno (1548–1600)

In den Medien

Die Rating-Gesellschaft (Sternstunde Philosophie, SRF)

Am 12.02.2018 veröffentlicht vom YouTube-Kanal „SRF Kultur“.

Ob Essen, Hotel, Profilbild: Alles wird heute bewertet. Plattformen wie Tellonym, Amazon und Tripadvisor leben davon. Der «Philosophische Stammtisch» diskutiert, wie sich eine Gesellschaft verändert, in der es ständig heißt: Top oder Flop?
Barbara Bleisch hat dazu folgende Gäste geladen: Katja Gentinetta (Schweizer Politikphilosophin), Armin Nassehi (Münchner Soziologe) und Konrad Paul Liessmann (Wiener Philosophieprofessor).

Letzte Bearbeitung dieser Seite am 22. Oktober 2021

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